Schlechte Laune
  Ein Geburts- und Todesjahr (1991), seine ehemalige Zwei-Zimmer-Wohnung in Willerzell, das gute Attest der Versicherung, für die er 23 Jahre lang als Vertreter tätig war, und ein Gartenhäuschen beim Friedhof. Das ist alles, was uns von Edgar Schleier bekannt ist! Vom Autor eines epochalen Geschichtswerks, der mit nie erlahmender Neugier, ungeheurem Fleiss, und - ja! - methodischem Genie eine neuartige Befragung der Geschichte einleitete. Der in Freizeit und Ferien auf Erkundung ausging, durch die ganze Welt reiste, und unbemerkt von der Öffentlichkeit unter Bergen von Briefen und Tagebüchern Schätze barg!
1989 brachte dann ein örtlicher Verlag Edgar Schleiers "Weltgeschichte der schlechten Laune" heraus. Noch immer nimmt die Fachwelt nur widerstrebend und zögerlich von der Revolution Kenntnis, die sich da an ihrem äussersten Rand ereignet hat. Nur eine Frage der Zeit! Im folgenden einige Auszüge aus der Weltgeschichte der schlechten Laune!


Kolumbus und die Entdeckung von Amerika

"Es sey üs nun doch gar graulich leide. Oh Heilande unser Herre und Gott schütz uns. Seyne HH. Exzellenz der Admiral stund immer vort et vort stumm et stur alswie dere leybhaftiger Bock oben uf dere Brück, blööed über ewge glich Wasser hin glotzenend. Die Leut sagend Umkehren u Nach Haus kehren. Wird gflüster leis, kehren tags daruff um".

Den Brief, aus dem jenes Zitat stammt, fand Edgar im Nachlass der Familie Guardiola, die neben der Korrespondenz ihres Vorfahren Sergi Guardiola auch dessen Seesack mit Nadel und Zwirn, mit einem Messer, einem Gurt, einer Hose, mit Holzschuhen, Holzlöffel, und Holzgeschirr in der Winde aufbewahrt. Guardiola hatte laut Mannschaftsverzeichnis als Schneider auf der Santa Maria angeheuert. Obenstehender Brief ist datiert den 8. Oktober 1492 und beschreibt zweifellos die Verfassung des Admirals der Ozeanischen Meere Christoph Kolumbus, vier Tage bevor das rettende San Salvador in Sicht kam.

Bekannt war bereits der geheime Zusatz des Logbuchs, der berichtet, was anlässlich des Treffens der Offiziere der drei Schiffe am Abend desselben 8. Oktober beschlossen wurde: "Sey Gott der Allmächtge unser Herre uns gnädig, führ er uns zu den Ufern seyner blühenden Lande India jenseits der Wildnis Meere. Wir beten zu der hl. Jungfrau Mariä Mutter Gottes. Gäbe uns ein Zeichen bis morgen, bis die Sonn im Mittag stehet. Wenn aber keyner das güldene Land erblicke, sölle drehen Santa Maria Nordost im Winde, die Flotte sölle folgen".

Der Eintrag ist von den beiden Pinzons und von Kolumbus unterzeichnet. Ebenfalls kennt man die berühmte entmutigte Notiz von Kolumbus Hand, welche auf jene Tage zurückdatiert wird: "Zum zweyten Male der Troum: Tänzerinnen Asiens ganz us Gold. Schlepp schwere lastend Eisenkett hinter mich, Holzwürm fressen das Schiff... Ich sprech Ihnen vom Gold, sprech vom Reychtum und von den Froun, nur sey hören mich nicht zu. Fernando gloubt ein Insel zu sehn - doch nichts. Pinta füürte den Signalem Schuss - doch nichts. Wasser, Wasser - fahrn in die leer Oedniss hineyn."

Warum aber hat die Flotte am Mittag des kommenden Tages nicht kehrt gemacht wie abgesprochen, warum wurde die Expedition fortgesetzt? Erst der Brief, mit dem Sergi Guardiola am 9. Oktober fortfährt, entdeckte die Antwort auf diese schicksalsschwere Frage:

"Seyne HH. Exzellenz jammeret, stöhnent, flüchet - schwiget finster. Habe übel nur geschlafen, sich gewalzt. Bellent wie ein Höllenhund. Am Mittag grosser Wirrwarr. Alle söllen auf Deck beisammen kümmen. S. HHL.  Exzellenz Gutierrez spricht da von die Umkehr, es sey beschlossen. HH. Exzellenz steht dabey schweygt. Also wille Peralonso voll Freud beidrehen Nordost im Winde. Da hüület der Welsch plotzleich alswie Satanas Höllenhund. Fluchet, hauet S. HHL. Exzellenz Gutierrez, prügelet Peralonso vone deme Ruuder, fährt dreyn wie der Dämon. Lässet das Ruuder nichten mehr gehn. Schreit - dumm Gschwätz, keyn Strych vom Kurs ab, alle an die Arbeyt, sonst spräche die Katz mit Neun Augen. Wir trolln uns. Pinta et Nina mit Signale Flagg, falln ab, indessen sie folgen balde in der Fern".
 
   
  Es war am Abend desselben 9. Oktober, als der grosse Vogelschwarm am Himmel erschien, und ein Ast mit noch frischen Blättern im Meer schwamm.


Heinrich VIII., Gründer der anglikanischen Kirche

Ein anderes prominentes Kapitel begann Edgar Schleier zu schreiben, nachdem er den unübersetzten, wenig erforschten Teil des Nachlasses von Erasmus von Rotterdam minuziös durchkämmt hatte. Er stiess auf folgende Notiz von Thomas Morus, datiert März 1529:
"Verehrtester Freund, gestern rief mich unser geliebter König, Heinrich VIII., Herrscher über England von Gottes Gnaden, ganz plötzlich zu sich, indem er mir anzeigte, dass er eine dringende Angelegenheit unverzüglich zu besprechen wünsche. Man führte mich zum Gemach seiner Majestät, vor dessen Tür mir der Kammerherr beflissen entgegen eilte. Er flüsterte mir zu, dass ich mich in acht nehmen solle, der König befinde sich heute ausserordentlich schlecht. Ich erwähne diesen Vorfall, weil er ein bezeichnendes Licht auf das Gespräch wirft, von dem ich dir Kenntnis geben möchte.
Da es nach Mittag war, erstaunte es mich über massen, dass sich der König noch in seinem Gemach befinden solle, und dass er mich dasselbst empfangen wolle! Wie aber erst, als ich eintrat! Der Raum war verdunkelt, nur ein Leuchter mit fünfzehn Kerzen, der auf dem Tisch stand, warf ein schwaches Licht an die Wände, das vielerlei irreführende Schatten erzeugte.
Der König sass am Tisch, in einer lauernden Haltung. Er winkte mich zu sich heran. Schon an der ungehaltenen Bewegung erkannte ich, das er an diesem Tag keine Geduld aufbrachte und sein Temperament sehr im Zaume halten musste.
 
   
  "Was kann getan werden, damit England zu einer Welt ausserhalb der bekannten Welt wird?" fragte mich der König unvermittelt. Ich antwortete, dass ich nicht verstehe, worauf er hinaus wolle. Seine allergnädigste Majestät blickte mich unwillig an.
"Manchmal, Morus, sehe ich euch alle ohne Kopf herumlaufen, das belustigt mich sehr!"
Ich glaubte, nicht richtig zu hören, er aber fuhr fort.
"Ich will, dass England eine einzige Welt wird! England soll über der bekannten Welt stehen, reiner und höher sein, und ich werde der König dieser Welt sein! Nun, mein Morus, bist du ein Rechtsgelehrter oder nicht? Auf welchem Wege kann es England gelingen, eine eigene Welt zu werden?"
Ich wich aus, da ich ihn zu seltsam fand, und ihn nicht weiter reizen wollte. Da begann er sich zu beklagen und beklagte sich lange, wie hinterhältig der Papst sich verhalte, wo er, Heinrich, doch immer ein aufrichtiger Freund Roms und der Kirche gewesen sei. Er befragte mich, ob es rechtens sei, wenn es einem grossen Herrscher verwehrt bleibe, die Zukunft seines Reiches, das ohne gleichen sei und sein werde, durch einen Nachkommen zu sichern.
Ich antwortete vorsichtig und im Allgemeinen, da ich wohl merkte, dass ich ihn schwerlich zufrieden stellen konnte. Er schickte mich dann harsch weg. Inzwischen war Wolsey, der Kardinal von York, eingetreten, ich aber entfernte mich.
Du erinnerst dich, mein Freund, wie höflich und wie interessiert an den Wissenschaften wir Heinrich antrafen, als er ein Kind war. Ich muss dir nur leider betrübt gestehen, dass ich ihn verändert finde. Du weisst, wie sehr der König mit der Auflösung des Ehebundes mit Katharina beschäftigt ist, und wie sehr ihn die schwierigen Rechtsfragen in diesem Zusammenhang bekümmern. Zumal Campeggio nach Rom zurückgereist ist, ohne dass England das päpstliche Einverständnis zur Nichtigkeitserklärung besitzt! Wir alle werden dem geliebten König mehr denn je mit unserer ganzen Kraft zur Seite stehen müssen".
Mit Kenntnis dieses Briefes lässt sich die seltsame Unterhaltung, von der Wolsey berichtet (kurz bevor er aller Aemter enthoben wurde), wie ein Puzzlestück einfügen, und ein sinnvolles Gesamtbild entsteht.

"Wie Morus zurücktrat und uns nicht mehr hören konnte, sprach der König zu mir: "Es gibt eine grosse Aufgabe für dich, Wolsey. Ich habe beschlossen, eine eigene Kirche mit einer eigenen Religion zu stiften, und du wirst das Fundament legen. Die römischen Kirchengüter werden eingezogen, die Papisten müssen sich anschliessen oder werden verjagt. Es wird ein heiliges Werk, Gott zu Gefallen, da meine Kirche das lügenhafte Christentum des Papstes hinwegwischen wird. Still, mein treuer Diener! Luther wird der erste Papst meiner Religion sein!"
"Aber Sire, Ihr habt Luther einen Höllenwolf, ein Unkraut, eine giftige Schlange, eine elende Seuche und ein grässliches Ungeheuer genannt!" erwiderte ich. "Und ob er überhaupt Papst werden will?"
"Papperlapapp! Schenk dem Pfäfflein einen saftigen Schinken und einen neuen Mantel, und alles ist vergessen. Auch für dich gibt es einen Ehrenplatz in meiner Kirche, Wolsey. Gründe sie! Meine Kirchenväter aber sollen mir die Dispens ausstellen, damit ich mich von der Alten scheiden und Anna heiraten kann... obwohl sie mir in letzter Zeit recht unverschämt wird! Und doch ist sie ein possierliches Weib, und will um alles in der Welt Königin sein, das Närrchen. Ach, die Weiber, Wolsey!"
"Luther nennt euch "von Gottes Ungnaden König von England"! entschlüpfte es mir.
Da wurde er noch gereizter, er sprach sehr laut, und begann gar sehr unwürdig zu kreischen: "Dann werde ich halt selber Papst, was ist schon dabei! König bin ich schon, und Papst sein ist auch nicht schwer! Kein Wort mehr davon! Geh, und tu was ich sage, hast du gehört! Alle raus jetzt, lasst mich gefälligst in Ruhe!"


Vortag der Revolution in Paris

Zu einem anderen Dokument von unschätzbarem Wert kam Edgar durch den Kontakt mit der Familie Duval, deren Vorfahr Amadée Duval im Jahre 1789 als Drechsler in Paris lebte. Er hinterliess zwei Dutzend vollgeschriebene Seiten Papier, betitelt "meine Erinnerungen". Daraus stammt die folgende Passage:
"Glaubt nicht ich sei dem Trunke geneigt gewesen. An jenem Abend aber luden mich meine Freunde Jojo und Milou ein, denen ich nichts abschlagen konnte. Es gab auch etwas zu Feiern: Jojo"s Stiefvater war gestorben! Ein trauriger Anlass, sagt ihr, und so ist es, aber Milou und Jojo waren so fröhlich, dass es mir nichts ausmachte und ich mit ihnen ging.
Wir sassen also in der Schenke und tranken und schwatzten und sangen, die Zeit verflog, ohne dass wir etwas merkten. Schon brach langsam der Morgen an. Nun ja, der Wein war uns ein wenig zu Kopfe gestiegen. So lustig wir aber bisher waren, so verfiel Jojo nun plötzlich in eine gereizte Stimmung. Er war durch nichts mehr aufzuheitern. So brachen wir also endlich auf.
Ihr müsst wissen, dass es eine unruhige Zeit war, in der sich die Leute immerfort aufregten und viel geredet und gemunkelt wurde. Jeden Tag wurde auf den Strassen von Paris gerufen, dass man die Freiheit wolle, dass die Herren Diebe seien, und dass man Brot wolle, immerzu rannte eine Meute dahin und dorthin. Mir war das gleichgültig, ich war nicht von der Sorte, die immerzu hinterher rennt. Ich hatte genug Sorgen und wollte mich nicht noch vergebens aufregen.
In den Morgenstunden jenes Tages zeigte sich wiederum viel Volk in den Gassen. Wir schleppten Jojo mit uns, der immerzu auf seinen Stiefvater fluchte, der ihn von Kindsbeinen an gequält und verdorben habe, der ihn im Testament nicht einmal erwähne, und den er in die Hölle wünsche.

Bei der Bastille trafen wir auf einen ziemlichen Haufen Leute, viele davon waren bewaffnet, es herrschte grosse Aufregung. Ich hörte vom König sprechen und von der Nationalgarde, es wurde auf die bezahlten Kriegsknechte geschimpft, und man liess wiederholt den dritten Stand hochleben. Auf der Mauer aber erschien der Kommandant.
"Geht nach Hause, ihr guten Leute!" rief er hinunter. "Was wollt ihr hier? Geht doch nach Hause, und lasst die Invaliden in Frieden!"
"Tod dem Tyrannen!" schrie da plötzlich Jojo so gellend, dass ich zusammenfuhr. "Er hat mich zugrunde gerichtet", schrie er, "von Kindsbeinen an hat er mich zugrunde gerichtet."
Die Leute wandten sich uns zu, während Milou und ich Jojo zu beruhigen versuchten.
"Er hat die Hölle verdient, der Schurke hat nichts Besseres als die Hölle verdient", schrie Jojo weiter.
Da stimmten auch andere ein: "Tod dem Tyrannen!", "Macht die Häscher nieder!", "Sie verdienen den Tod!", und die Meute wurde von einer furchtbaren Erregung ergriffen.
Wir schleppten Jojo über den Platz hinfort, von der aufgewühlten Menge weg. Es wurde geschrien und in die Luft geschossen, man zerrte unter Gebrüll zwei Kanonen herbei. Es flogen viele Steine an die Burg, und ich sah, wie vor den Mauern ein unglücklicher Schweizer von zahlreichen Armen gefasst wurde und kurz später an einer Laterne baumelte.
Wir brachten Jojo nach Hause - er schwieg nun grimmig und reagierte unwillig auf unsere gut gemeinten Ratschläge.
Als ich das nächste Mal an der Bastille vorbei kam, gab es ein Loch in der Mauer. Jetzt wehte auf der Burg anstelle der Fahne des Königreichs diejenige der Stadt Paris und dazu eine rot-blaue. Wenig später war vieles nicht mehr wie früher. Für mich und die Meinen war es eine Zeit voller Unsicherheit. Dies war das bewegte Jahr 1789".

 
   
  Franz Joseph und der erste Weltkrieg

Die Ereignisse ihm Jahr 1914 wurden von Edgar ebenfalls unter seinem wegweisenden neuen Blickwinkel untersucht. Sein grosser Fund war das Tagebuch des kaiserlichen Kammerdieners Friedrich Landbauer. Das Buch erzählt kaum etwas von Landbauer selber, sondern ist so etwas wie ein Protokoll der Tagesabläufe seiner geliebten Majestät, Kaiser Franz Joseph.
So kann man etwa erfahren, wie sich der betagte Kaiser einen schönen Tod vorstellte: "12. Februar. Heute abend erlebte der Kaiser einen sehr bewegten Moment. Schon im kaiserlichen Pyjama im Bett liegend, erzählte er mir, dass er, da er doch schon über 80 Jahre alt sei, zuweilen an den Tod denken müsse - ich war über alle Massen erstaunt und etwas beunruhigt ob dieser vollkommen unerwarteten Vertraulichkeit.
"Ich wünsche mir, an meinem Schreibtisch in der Hofburg zu sitzen", sagte er zu mir, "und die wichtigen Akten des Tages zu bearbeiten, Frau Schratt würde derweil die Blumen giessen, und ich - nicke einfach ein und bin tot".

Von besonderem Interesse aber sind natürlich die Einträge im Sommer des Jahres 1914. Am 28. Juni, dem Tag, an welchem Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo erschossen wird, schreibt Landbauer: "Der Kaiser befand sich im Garten von Ischl, als Graf Paar herbeieilte und ihm das unglückselige Telegramm überbrachte. Er war am Gartentisch mit Akten beschäftigt, hielt verstimmt inne und rief aus: "Ach, dieser Junge! Immer macht er einem Kummer. Soweit musste es mit ihm ja kommen, das erstaunt mich jetzt gar nicht!"
Graf Paar schien etwas betreten, er wartete.
"Ist für uns in der Sache etwas zu tun?" fragte der Kaiser.
"Gar nichts!", sagte er, bevor der verblüffte Graf antworten konnte. Es entstand ein peinliches Schweigen, der Kaiser strich sich über den Bart.
"Mein lieber Graf, ich muss heute noch alle diese Verfügungen durchlesen und unterzeichnen", er deutete auf den Aktenstoss. "Ich muss Sie bitten, mich nicht länger zu stören. Entschuldigen Sie mich."
Er setzte sich wieder an den Tisch und arbeitete ruhig weiter".

Am 23. Juli ging zu aller Ueberraschung das Ultimatum an Serbien ab. Landbauers Bericht dieses Tages:
"Der ganze heutige Tag stand unter schlechten Vorzeichen. Schon am Vorabend passierte das Unglück, dass der Aussenminister, Graf Berchtold, unbedingt den Kaiser sprechen wollte. Erst um 20.00 Uhr ging er wieder weg. Alles geriet dadurch empfindlich aus dem Gleichgewicht. Der Kaiser gelangte erst um 20.30 Uhr zu Bett, eine halbe Stunde zu spät! Er blieb aber gefasst und legte sich ruhig hin. Ich merkte gleichwohl, wie es an ihm nagte.
Ausgerechnet heute klemmte dann mein verflixter Wecker. Auf jeden Fall erwachte ich dreizehn Minuten zu spät. Ich konnte seine Majestät erst gegen 4.10 Uhr anstatt um 4.00 Uhr wecken. Der Unwille war gross. Wir zogen seine Feldmarschallsuniform mit allen Orden an. Er vergass doch tatsächlich, mich anzuweisen, dass ich den Orden vom goldenen Vlies polieren möge, was in zwanzig Jahren nicht vorgekommen ist, und lief einfach weg. Da ahnte ich, dass ein gewaltiges Gewitter aufzog. Zu allem Unglück wurden ihm zu Mittag auch noch Knödel vorgesetzt - ich hätte mir die Haare raufen wollen! Wie oft hatte ich dem Koch eingebleut, dass der Kaiser Knödel nicht mag. Er ass natürlich alles artig auf, ohne ein einziges Wort.
Das Nachmittagsprogramm sah den Besuch der Wiener Jagdausstellung vor, welche der Kaiser um 14.00 Uhr eröffnen sollte. Um 12.45 Uhr aber kam der Graf Berchtold erneut - der Kaiser hatte niemanden von diesem Besuch unterrichtet... wahrscheinlich hatte er das Gespräch des Vorabends vergessen. Der Graf trat zum Kaiser mit den Worten, dass er ihm hier nun also das Ultimatum an Serbien bringe.
Da der Kaiser ihn verständnislos anblickte, wurde der Graf unsicher, und erklärte dann leise, dass es sich hierbei um eine Sache der äussersten Dringlichkeit handle, wie er ihm ja schon gestern auseinandergesetzt habe, mit welcher er, der Kaiser, sich zum Wohle Oesterreich-Ungarns sofort befassen müsse. Er gab einige weitere Erklärungen ab, und überreichte dem Kaiser das Ultimatum schliesslich etwas zögerlich, mit einem Ausdruck der Spannung im Gesicht, wie mir schien.

Der Kaiser nahm das Papier ungeduldig entgegen und erklärte nachdrücklich, dass er ja zur Eröffnung der Jagdausstellung gemeldet sei, und dies um 14.00 Uhr, was seine Abreise in wenigen Minuten bedinge. Es gab einen formlosen, etwas zu lauten Wortwechsel zwischen den beiden, in welchem schliesslich Graf Berchtold obsiegte. Ich sah, wie der Kaiser seine Augenbrauen finster zusammenzog, was sehr selten vorkam. Er betrachtete jetzt das Ultimatum.
Da man ihm sagte, dass es sich bei dem Papier um ein dringendes Staatsgeschäft handle, wäre er doch an jedem anderen Tag damit zum Schreibtisch gegangen, um es dreimal sorgfältig durchzulesen! Heute aber warf er nur einen schnellen Blick darauf und gab es dem Aussenminister demonstrativ zurück!
"Ich hoffe doch, das ist in Ihrem Sinne formuliert, mein Kaiser", fragte der Minister vorsichtig.
"Schon gut, sparen Sie sich die Mühe, Graf Berchtold... Ist für uns in der Sache etwas zu tun?" Der Kaiser konnte einen befehlenden, aggressiven Ton, der seine Greisenstimme scheppern machte, nicht unterdrücken.
"Wie meinen?"
"Gar nichts ist zu tun, sage ich! Muss ich das unterschreiben?"
"Aber selbstverständlich, ich bitte darum."
"Ich möchte auf gar keinen Fall zu spät zur Jagdausstellung kommen, hören Sie mich?"
"Gott bewahre! Aber diese Angelegenheit duldet keinen Aufsch..."
"Genug, Graf!"
"Mein Kaiser!"
"Hmm, mm, wie fiel die Spargelernte dieses Jahres aus?" Dies fragte der Kaiser, indem er hastig seine Unterschrift auf das Papier setzte. Ich musste die Unterlage halten.
"Spargel?"
"Hören Sie nicht mehr gut, Graf? Das Alter, wie?"
"Ach, die Spargelernte, hervorragend, Durchlaucht, hervorragend."

Graf Berchtold verabschiedete sich sodann mit dem Hinweis auf wichtige Geschäfte, die seiner harrten. Der Kaiser drückte ihm die Hand. Er blickte dabei länger als nötig und mit einem gewissen hämischen Ausdruck auf den Grafen, der verwirrt und nervös wirkte und sich schnell entfernte! Der Kaiser liess sich eben hinreissen, kein Wunder bei all den widrigen Umständen, das kann sogar ihm einmal passieren. Am nächsten Tag hatte er sich aber wieder vollkommen in der Gewalt und war zu allen korrekt wie eh und je".


Sonntagsausflug der Familie King, Atlanta 1937

Wenden wir uns jetzt noch einem Familienausflug zu, der im Mai des Jahres 1937 vonstatten ging. Die Memoiren der Carol Theresia Susanne Ball, einer Familienfreundin der Kings aus Atlanta, halten das Wesentliche dieser Vergnügung fest.

"Die Kings überredeten Daddy Martin Luther, das Familienauto, auf das er doch so stolz war, für einmal stehen zu lassen. "Lass uns einen Ausflug mit dem Bus machen", redete Alberta ihm zu, "die Kinder fahren doch so gerne mit dem Bus, besonders Martin."
"Und warum habe ich ein Auto gekauft", donnerte Daddy los, "etwa damit wir Bus fahren? M.L. soll lernen, mehr Freude an unserem Auto zu haben als am Bus, hörst du, Bunch, die Kinder müssen es lernen!"
Es dauerte eine halbe Stunde, bis Daddy maulend nachgab. Nach einer weiteren halben Stunde sassen wir im Omnibus nach Atlanta City Central, Daddy und die beiden Söhnchen Martin Luther jun. und Alfred Daniel (Daddy King nannte sie nur M.L. und A.D.) im Sonntagsanzug, Alberta und die kleine Christine in hübschen, farbigen Sommerkleidern.
Daddy sprach die ganze Zeit sehr laut von der Predigt, die er am Abend halten werde. Er werde die Leute den Schweiss schmecken lassen, der an Jesus herablief, als er das Kreuz den Hügel Golgatha hinauf schleppte, verkündete er.
Martin und ich gingen nach vorn zum Fahrer. Alle ausser Daddy, der sich darüber aufgeregt hätte, wussten, dass Martin Busfahrer werden wollte. Der Kleine setzte sich vorne hin und beobachtete ganz genau, wie der Fahrer am grossen Steuerrad drehte, den Ganghebel verstellte, und wie er die hohe, schaukelnde Maschine durch die Strassen manövrierte.
"Steh auf, Junge!" Plötzlich stand die weisse Miss neben uns. "Neger dürfen nicht hier vorne sitzen, steh auf!"
"Warum?" fragte Martin nur.
"Nehmen Sie ihn weg", sagte die Miss zu mir, "das ist gegen das Gesetz!"
Ich hiess Martin aufstehen. Er gehorchte, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Wir standen nun neben dem Fahrer, während sich die Miss demonstrativ auf Martins Platz gesetzt hatte.
"Ich werde auch Busfahrer!", sagte der Kleine zum Fahrer.
"So so... kannst du das denn? Du bist doch ein Negerjunge!"
"Und trotzdem werde ich Busfahrer!", erwiderte Martin erstaunt.
"Aber Neger dürfen das nicht! Und Neger können auch gar nicht Bus fahren!"
"Natürlich kann ich Bus fahren!"

Mir schwante nichts Gutes. Ich nahm Martin bei der Hand. Ich führte ihn nach hinten, wo seine Familie sass. Er kam unwillig mit, sprach dabei aber weiter zum Fahrer: "Ich kann so gut fahren wie Sie. Sie werden schon sehen. Alle Neger können Bus fahren. Daddy wird es Ihnen zeigen. Daddy kann Auto fahren. Das Auto ist kleiner, aber er kann auch Bus fahren, gerade so gut wie ein Weisser!"
Daddy King wollte wissen, was los war. Er versuchte Martin, der sich an mich drückte, eine zu schmieren, und es gab eine ziemliche Aufregung, so dass wir an der nächsten Haltestelle ausstiegen.
Martin und Daniel weinten. Martin verstand nicht, warum Daddy ihn bestrafen wollte, obwohl er doch gar nichts getan hatte. Der Nachmittag war bereits ziemlich im Eimer. Martin sagte kein Wort mehr. Wir spazierten langsam den Gehsteig runter. Es war wohl beinahe eine Viertelstunde vergangen, als er plötzlich unwillig hervorstiess:
"Warum dürfen Neger nicht vorne sitzen?"
Einen Moment lang verstummten alle.
"M.L., hör auf damit!" donnerte Daddy.
"Nein, warum?" schrie der Junge.
"Darum, darum!" schrie Daddy King zurück. Alberta und ich versuchten die beiden zu beruhigen, während Daniel und Christine wieder zu weinen begannen.
Danach blieben wir sehr ruhig.
"Es fahren Neger und Weisse im Bus. Wenn die Neger nicht vorne sitzen dürfen und nicht Busfahrer werden dürfen, sollten sie auch nicht mehr Bus fahren, bis sie es ändern!"
Das war es tatsächlich, was der kleine Martin schnell sagte. Manchmal verblüffte er einem wirklich!
"Kein Wort mehr von dieser blöden Busfahrt!" befahl Daddy mit zorniger Stimme, "habe ich nicht gleich gesagt, dass wir besser das Auto nehmen?"

Zu allem Unglück war auch noch beschlossen worden, dass Martin ausgerechnet an diesem Nachmittag neue Schuhe bekommen sollte! Während Alberta mit den beiden anderen Kindern ein Eis essen ging, begleitete ich Martin und Daddy ins Schuhgeschäft Laurens. Ich hatte mich mit Alberta dahingehend besprochen, dass ich auf die beiden Sauertöpfe aufpassen würde.
Wir traten also ins "Laurens". Der Verkäufer kam auf uns zu und sagte, wir sollen ihm nach hinten folgen.
"Warum denn?" erwiderte Daddy. "Wir können doch hier unsere Schuhe kaufen!"
"Ja, alle Schuhe sind ja hier", pflichtete ihm Martin bei, "die weissen dort gefallen mir!"
"Na dann probier sie schon, M.L.! Ich bin ehrlich gesagt froh, wenn wir bald wieder hier raus kommen!"
Der Verkäufer bekam einen roten Kopf, es war ja klar, dass Neger nur im hinteren Teil Schuhe kaufen durften, und er wiederholte leise, dass wir ihm nun folgen sollen. Da platzte Daddy der Kragen. Während ich den grossen, schweren Mann aus dem Geschäft zu zerren versuchte, schrie er den Verkäufer an:
"Du weisser Rotzbengel, elender Kuhhirt, friss doch deine Schuhe auf, wenn du sie schon nicht verkaufen willst. Glaubst du, dass mein Geld stinkt" usw.
Wir kehrten bedrückt mit dem Taxi nach Hause zurück, ohne neue Schuhe. Daniel und Christine hörten nicht mehr auf zu fragen, "warum, warum?" und brachten uns Erwachsene damit ziemlich in Verlegenheit, während Martin die ganze Zeit mit verkniffenem Gesichtsausdruck schweigend dasass - wer ihn kannte, wusste, dass er ganz schön sauer war und etwas ausbrütete".


Dies ein paar Kostproben aus Edgar Schleiers "Weltgeschichte der schlechten Laune", beginnend zur Zeit Alexander des Grossen, bis und mit dem Jahr 1988. Das Werk ist in einer Auflage von 800 Exemplaren erschienen und für 29.90 erhältlich.

 
      Heim   Kurzgeschichten  Fotogeschichte   A's Heim  Zeitraffer   Kurzfilme