| Der Maler Franz Lämmli: zum 30. Todestag dieses schweizerischen Giganten der Malerei | ||||
| Der Omnipräsente - der Unbekannte! | ||||
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| 1. Lebenstationen in Bildern | |
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| I. Walter an der Treppe, 1950 | II. die Wanderung nach Kloten | III. Walter und Julia, 1949 | IV. Marsch der Jugend |
| I. Walter an der Treppe. Ein Portrait von Walter Moers, das Lämmli meiner Meinung nach ganz besonders gelungen ist. Der Freund wirkt während des Treppensteigens vollkommen versunken, was sein manchmal verträumtes Naturell treffend zum Ausdruck bringt. | III. Walter und Julia. Es hat lange gedauert, bis Lämmli akzeptieren konnte, dass sein Freund ein Familienleben wählte, heiratete und bald zu Kindern kam. Während erst nur Einzelportraits von Walter entstehen, kommen ab dem Jahr 1952 Bilder mit Walter und Kind dazu (nicht aber mit Ehefrau Klara!). | ||
| II. Die Wanderung nach Kloten. Die beiden Freunde beim Wandern. Ein Werk mit so grossem sentimentalem Wert, dass es von Lämmli lange als unverkäuflich bezeichnet wurde. 1963 erschien es dann doch erstmals in der Oeffentlichkeit. | IV. Marsch der Jugend. Walters Kinder standen auch Modell für den "Marsch der Jugend" aus dem Jahr 1957. Julia und Walter junior verkörpern den Zukunftsglauben, der jene Schaffensphase prägte. | ||
| 2. Identitätskonflikte und Homoerotik | |
![]() der Arbeiter W. |
Nicht nur bei
Marx und Engels stellt die Herkunft aus dem Bürgertum einen
Problemkomplex dar. Das Werk "Arbeiter W." war der Anlass eines ernsthaften gleichartigen
Konflikts zwischen Lämmli und Moers. In den 30er Jahren traten die Freunde gemeinsam der kommunistischen Partei bei. Das Portrait von Moers als Proletarier ist Ausdruck des damaligen Idealismus, ging dem Portraitierten aber eindeutig zu weit. Moers, der in leitender Funktion in der Verwaltung tätig war, schreibt dem Freund unwirsch, dass ihn diese Rollenzuschreibung "geradezu beschäme". Der Maler fühlt sich unverstanden. Er reklamiert, dass es um keine Aeusserlichkeit gehen könne, sondern die Innerlichkeit der Gesinnung das Wahre sei. Obwohl sich der Streit vordergründig um diese geteilten Ansichten dreht, war das Bild bestimmt auch Höhepunkt einer anderen, noch versteckter dräuenden Krisis. Ganz zu recht hat sich die neuere Rezeption verstärkt der homoerotischen Komponente zugewandt, welche in dieser Männerfreundschaft unverkennbar ist. Das Werk nun, das Walter mit nacktem, schweissglänzendem Oberkörper zeigt, war der klarste Ausdruck dieser Zuneigung, welchen Lämmli sich je gestattete. Bestimmt waren die nie ausgelebten Gefühle der beiden Männer füreinander in dieser Zeit im Aufruhr. Dass Lämmli das Symbol des Dreiecks als umfassende Form gewählt hat, ist bestimmt kein Zufall. Das Dreieck, vor allem das rote Dreieck, deutet bei ihm ja zumeist auf eine mögliche Gefahr hin und hat etwas untergründig Bedrohliches. Er muss wohl geahnt haben, dass er mit seiner Darstellung die homoerotischen Gefühle zwischen ihm und seinem Freund schürte. In diesem Zusammenhang ist auch das Walter!-Verbot von 1946 zu sehen. |
![]() !Walter! 1946 |
| 3. Rätsel einer Beziehung | |
![]() 2x, 1942 |
Die vorliegende Bilderfolge hat der Lämmli-Forschung schon vieles Kopfzerbrechen bereitet. Lämmli griff seine Motive immer wieder auf und variierte sie, und es erstaunt nicht, wenn er dies ebenfalls mit den Portraits seines Freundes macht. Was aber ist mit der Variation "2x" gemeint? Und wieso ist das jüngere Werk seitenverkehrt? Im folgenden kann nur ein Ueberblick über die Hauptströmungen der Interpretation gegeben werden. Wer sich vertieft beschäftigen will, halte sich bitte an die Fachliteratur. 1. Karl Saiblain als der prominenteste Vertreter der sogenannten "psychologischen Schule" deutet die Folge als klaren Ausdruck der versteckten Schizophrenie, welche in Lämmlis Persönlichkeit unverkennbar sei. "2x" beziehe sich unbewusst auf diese Spaltung; das Erscheinen des Freundes verwische die Grenzen zusätzlich, denn auch im Verhalten gegenüber Moers sei in dieser Zeit vermehrt ein Mangel an Abgrenzung aufgefallen. 2. Die "Thematiker" erkennen eine Beschäftigung mit der aufkommenden Umweltproblematik. Moers symbolisiere die bedrohte Natur, die auf einem schmalen Grat wandere. Der Einbezug einer Ziffer und die Umkehr des Seitenverhältnisses brächten die mehrfachen Bedrohungen der Natur in der modernen Welt zum Ausdruck. 3. Die Befürworter der "Entwicklung" glauben, dass Lämmli hier erstmals auf eine Thematik Bezug nehme, die er später vertieft behandelt: jene der ewigen Wiederkehr. Die idealisierte Freundschaft zu Moers habe Lämmli als "immerwährend" verstanden, wodurch es naheliegend gewesen sei, Moers zum absoluten Sinnbild für das Ewige zu machen. |
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![]() 2x/2, 1942 |
| 4. Inhaltliche und formale Entwicklung | |
| Franz Lämmli gilt vielen als konservativer Künstler. Nachdem er in seinen Anfängen zu den für ihn typischen Kreisen, Dreiecken und Quadraten, zum wiederkehrenden Rot und Blau gefunden hat, sei seine Entwicklung stehengeblieben, wird oft eingewandt. Hierbei wird oftmals die Pfeilsymbolik übersehen, von der an anderer Stelle die Rede ist. Dennoch hat man ein gewisses Verständnis für diese Kritik, was das Formale betrifft. Inhaltlich aber hat sich Lämmli immer wieder neuen künstlerischen Herausforderungen gestellt. Wovon etwa das vorliegende Bild aus dem Jahr 1956 Zeugnis ablegt, das die moderne Technik zum Thema hat. Uebrigens ist das Bild - wie andere unserer Auswahl - im original Weltkriegs-Rahmen erhalten. | ![]() Mobile |
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In seinem Spätwerk gelingt es Lämmli nochmals, eine neue Symbolik einzuführen. Der Doppelpfeil erscheint in seinen Bildern, den er als Ausdruck der Wiederkehr versteht. Die Erkenntnis der Wiederkehr und die Errungenschaft ihrer Versinnbildlichung können aber die Bitterkeit, die Lämmli immer stärker erfasst, nicht mildern. Diese Verdüsterung hängt damit zusammen, dass sein Werk zwar triumphale Erfolge feiert und sich rasend schnell über die ganze Schweiz ausbreitet, dabei aber neben Anhängern auch eine leidenschaftliche Gegnerschaft findet, welche die Arbeiten unverhohlen gering schätzt, mit Schmähungen eindeckt, oder schlicht nicht beachtet. Lämmli, der sich immer als Maler der modernen, mobilen Volksschicht verstanden hat, ist verletzt. Während dieser Zeit geschieht es, dass er sich vollkommen auf die Abstraktion zurückzieht. Die Realität, welche ihm nurmehr Enttäuschung zu bereiten scheint, lehnt er ab. In seinen unbenannten Bildern bleibt jetzt kein Platz mehr für figürliche oder sonstige realitätsnahe Motive. Zuerst wird dieser Platz nur von einer Querlinie eingenommen, später kommt gar eine gegenläufige Querlinine dazu, womit dem Realen der Platz gänzlich versperrt ist. |
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