2003  2002  2001:2 /1
2000  1999  1998
Heim  Kurzg.  Fotog.
ZEITRAFFER  2000
die satirische Filmkritik
  Crouching Tiger, Hidden Dragon; O brother, where art thou; Fast Food, fast Woman; Dancer in the Dark; Die Unberührbare; Gladiator; Ghost Dog; High Fidelity; The Road to Eldorado; Dinosaur; Baise-moi; El Entusiasmo; Happy Texas; Hollow Man; The perfect Storm; Holy Smoke; X-Men; Le bleu des villes; Phörpa; Star Wars: Episode I

 
Der Meister denkt sich
einen weisen Spruch aus

CROUCHING TIGER, HIDDEN DRAGON

Ang Lee hat die traditionelle hochspannende Geschichte des Kung Fu-Genres virtuos weiterentwickelt, indem das Schwert oder die Tochter oder das Ansehen oder der Nachttopf oder das Erbe des alten Kung Fu-Meisters nicht entwendet oder entehrt oder missbraucht wird, und der Meisterschüler den hochverehrten Blumentopf wieder zurückbringen muss, sondern der Meister das Schwert selber zurückholt. Eine weitere Innovation: der Meister muss dazu keinen einzigen Kampf bestehen, sondern nur tagelang im Schneidersitz verharren, Unmengen Tee trinken, unbefriedigenden Verkehr mit Frauen ertragen, und - wenn es unbedingt sein muss - einen hochverehrten Spruch fahren lassen.


 
Der Taugenichts
mit den Studenten

O BROTHER, WHERE ART THOU?

Eine Literaturverfilmung und gleichzeitig spektakuläre Literaturverwechslung! Da hat sich jemand einen Jux mit den Coen-Brüdern erlaubt! Während diese glaubten, Homers Odyssee zu verfilmen (was sie auch heute noch steif und fest behaupten), lasen sie in Wirklichkeit Eichendorffs 'aus dem Leben eines Taugenichts'. Eins zu eins umgesetzt haben sie daraus die Rückkehr der musizierenden und picknickenden Studenten nach Prag, denen sich der Taugenichts anschliesst, mit seiner schönen Stimme herzhaft singend: 'Wohin ich geh und schaue, in Feld und Wald und Tal, vom Berg ins Himmelsblaue, vielschöne gnädge Fraue, grüss ich dich tausendmal!' Des Nachts trägt unser Protagonist die Schlafmütze, den Schlafrock mit den gelben Punkten, und die grünen Pantoffeln aus dem Zollhäuschen. Die Coen-Family bringt allerdings auch die Aktualität in den Film rein: während die Studenten auf dem Postschiff in Richtung Wien fahren, sprengt der Cu-Clux-Clan ein Wasserwerk, und der Welt droht die zweite Sintflut.


 
Gut genug!

FAST FOOD, FAST WOMEN

Drama eines Möchtegern-Schriftstellers, der schmerzlich erkennen muss, dass seine Ideen zu schlecht für den lausigsten Roman sind, aber immerhin gut genug, um ein sexistisches Fast-Food-Lokal zu eröffnen.


 
Die Minderheit
im Würgegriff

DANCER IN THE DARK

Einer der wichtigsten Minderheitenfilme der letzten Jahre. Er zeigt ergreifend das Leben der treuherzigen, hinterwäldlerischen, sangesfreudigen, sehbehinderten, geistig limitierten, liebesunglücklichen, verarmten, alleinstehenden, ausgebeuteten, schuldbewussten tschechischen Minderheit in der USA. Der Film hat Diskussionen ausgelöst, weil er wichtige Szenen unterschlägt, angeblich aus Pietätsgründen: wie der Minderheit in der Fabrik während einer Dauer von 16 Stunden beide Beine abgequetscht werden, wie ihr sodann das Taschentuch der Grossmutter aus dem Hemdsärmel gestohlen wird, wie ihr die Lippen abrasiert werden, wie ihr die Scheibe Brot zur Kantinensuppe verweigert wird. Aufgrund der experimentellen Kameratechnik empfiehlt es sich, vor dem Film nichts zu essen.


 
Die Raucherin denkt nach

DIE UNBERÜHRBARE

Rauchen fördert das Denkvermögen, das ist allgemein bekannt. Während aber alle Welt etwas zu den sog. hochbegabten Kindern zu sagen weiss (der Redaktion z. B. ist ein Kind bekannt, das ganz unglaublich rasch zwei bis drei Stück Torte verdrücken konnte), wissen nur wenige vom hyperbewussten Raucher, zu dem eine intelligente Person werden kann. Im Film erhöht sich das Denkvermögen einer Kettenraucherin immer mehr und mehr, sie denkt und denkt bis zum Hyperbewusstsein. Formal ist das Werk im stimmigen schwarz-weiss des Rauches gehalten. Beim Hyperbewusstsein angelangt, hat die Raucherin alles gedacht und hört mit Rauchen auf.


 
So lebten die
antiken Nazis

GLADIATOR

Beeindruckende Studie zur faschistischen Kriegstechnik. Warum waren die Nazis so erfolgreich? Gleich zu Beginn zeigt Ridley Scott ihre Verwirrtaktik: die Nazis der Antike gebrauchten Katapulte nicht zur Belagerung von Städten, oder wenigstens für eine andere Kampfhandlung, sondern schleppten sie zur Verblüffung ihrer Feinde in den Busch, um damit Wälder in Brand zu schiessen. Die Amerikaner nutzten übrigens diese Idee in Vietnam (Agent Orange), wobei sie im Gegensatz zu den Nazis eine Luftaufklärung betrieben. Der Hauptteil der Studie aber widmet sich der Nahkampftechnik der faschistischen Helden: wie sticht der gute Nazi seinen Barbaren-Feind mit dem Schwert in den Bauch, wie in die Brust, wie schlägt er ihm den Arm und wie das Bein ab, wie köpft er ihn mit einem Streich? Wie winkt der nazistische Siegermensch dem jubelnden Volk zu, das endlich unter seiner starken gerechten Herrschaft leben darf? Der Regisseur entpuppt sich als Meister der faschistischen Praxis.


 
Der Künstler bei der
Arbeit

GHOST DOG

Ein Killer in der Midlife-Crisis. 'Habe ich den richtigen Beruf gewählt?', fragt er sich. Es fehlen ihm die langfristigen Perspektiven. Er erwägt die Möglichkeit, einen Eiscreme-Stand zu eröffnen, muss aber erkennen, dass er für die cleveren Kinder viel zu weich ist. Schliesslich kommt ihm die rettende Idee. Wie viele GrafikerInnen, TexterInnen, FotografInnen, SchneiderInnen, HandarbeitslehrerInnen, Hausfrauen, Fernsehkasperles und Video-Hüpfer erklärt er seinen Beruf zur Kunst und sich zum Künstler. Er bezieht ein malerisches Atelier auf einem Hausdach und bestreicht fortan die Leichen, die er produziert, mit Taubendreck, um sie an Galerien zu verkaufen.


 
Bleibende Schäden
am Musikfan

HIGH FIDELITY

Die Zeiten sind vorbei, als die Päpste ihre AC/DC-Schallplatten rückwärts abspielten, um die Teufelsbotschaft der Rockmusik zu hören. Fanatiker, die gegen den schädlichen Einfluss der modernen Musik auf die Jugend wettern, gibt es aber immer noch genug. Diese Weltverbesserer führen uns in High Fidelity ein Individuum vor, das durchgedreht ist, weil es zu oft die Hitparade abgehört hat. Es hat die fixe Idee entwickelt, dass alles in die Charts kommt. So überlegt es sich, welchen Platz seine Kaffeetasse in den Kaffeetassen-Charts einnimmt, welchen Platz seine Sandalen in den Sandalen-Charts, welchen Platz sein Stuhl in den Stuhl-Charts, welchen Platz der Goldfisch in den Goldfisch-Charts, welchen Platz seine Freundin in den Freundinnen-Charts usw.


 
Ugu ugu, bugu bugu

THE ROAD TO ELDORADO

Von Sechsjährigen für Sechsjährige. Ein sehr löbliches Prinzip. Folgerichtig geht es um die grosse, grosse Welt, um böse böse grinsende Schweine, um die niedlich Netten und andere Pets, und das Scheissen ohne Windel. Noch unterhaltsamer als ein Kleinkind beim Mampfen seines Nachmittags-Breis.


 
Tierchen scheissen
in die Büsche

DINOSAUR

Von Fünfjährigen für Fünfjährige. Ein sehr löbliches Prinzip. Folgerichtig geht es um Dino-Dung, Aeffchen-Dung, Vogel-Dung, um Mama und Papa und das liebe Scheisserchen. Noch witziger als das Neujahrskärtchen des Kinderhorts Kunterbunt.


 
Gekonntes Schiessen,
und gekonntes Bumsen bitte!

BAISE MOI

SchauspielerInnen können zwar schlagen und treten, hauen und stechen, kratzen und beissen, würgen, mit jedem Gerät schiessen sowie Schmerzen simulieren, werden aber steif wie Bretter, sobald es an die Wäsche geht. Zu verdanken zweifellos dem unseligen Einfluss des US-amerikanischen Films, der lustvoll gewalttätig und peinigend prüde ist. Schon Catherine Breillat in 'Romance' war daher gezwungen, für die Sexszenen einen Pornostar zu engagieren. 'Missstand erkannt - Sofortmassnahmen zeigen Wirkung!', sagt der französische Film gelassen. Erstes greifbares Resultat ist der Film von Virginie Despentes, der nicht nur gewalttätig, sondern ebenso pornographisch ist. Die AbgängerInnen der Filmschule Paris, welche in Baise-moi mitspielen, demonstrieren, dass jetzt auch von hinten und von vorn, blasen und wixen, ja sogar eine überzeugende Vergewaltigung zum Pflichtstoff gehören - Grundkenntnisse sind wohl schon bald bei der Aufnahmeprüfung gefragt, wie das Vorsprechen.


 
Das kapitalistische Problem

EL ENTUSIASMO

Film und Fernsehen vermitteln ganz falsche Bilder der Wirklichkeit. So glauben in Chile weite Bevölkerungskreise allen Ernstes, dass die Menschen der kapitalistischen Länder in Flugzeugen und Helikoptern leben. Sie machen aus Flugzeugen Geschäfte mit Tourismus oder so ähnlich, und fliegen am Abend nach Acapulco, um zu schlafen. Regisseur Pinedo führt uns im weiteren die Ueberzeugung seiner Landsleute vor Augen, dass das kapitalistische Problem darin bestehe, dass Frauen und Kinder in Flugzeugen und Helikoptern nicht erlaubt seien, was das Familienleben kaputt mache. Frauen und Kinder der Westleute müssen darum in Villas in der Wüste Gobi leben, sind die lustigen Chilenen überzeugt.


 
Knasti wird Lehrer

HAPPY, TEXAS

Perspektivelosigkeit der Kinder eines amerikanischen Provinznests. Der illusionslose Film führt die beiden Möglichkeiten der verlorenen Kinder vor: in der Provinzschule desinfiziert und neutralisiert zu werden, folglich äusserst konkurrenzfähig Doofie-Wettbewerbe zu bestreiten und wenige Jahre später unmerklich in den Provinztod überzugehen. Oder aber, von unfähigen Knastis angeleitet, hirn- und aussichtslose Deals zu drehen, auf die Abschussbahn zu geraten, und fortan Steine zu pickeln.


 
Der grosse Pudel sabbert

HOLLOW MAN

Paul Verhoeven ist einer der innovativsten Köpfe Hollywoods. In diesem innovativen Film macht ein Serum einen Mann unsichtbar und lässt ihn gleichzeitig glauben, er sei ein West-Tourist in Bangkok. Den ehemaligen brillanten Wissenschaftler interessiert die Forschung fortan einen Dreck, er bringt keinen vernünftigen Satz mehr auf die Reihe, grabscht aber jeden Busen und folgt jeder Eingebung seiner Eier. Vor allem aber hat das Serum eine überraschende Nebenwirkung. Der vormals eher kümmerliche Mann wird titanenstark und unzerstörbar. Massig Eisen auf den Schädel, Feuer und Verdammnis - irgendwie kein Problem. Es ist wie bei Zappa mit dem 'very large poodle dog: Bullets can't stop it, rockets can't stop it, we may have to use nuclear force.' Als Vorbereitung auf diesen Film hat sich Verhoeven jahrelang mit Platons 'Politeia' beschäftigt, was den Tiefsinn seines Werks erklärt.


 
Wer nicht hören will...

THE PERFECT STORM

Ein Aufschrei geht um die Welt: hören Sie genau auf die Wetterprognose! Die tägliche Wetterprognose ist zu 86 Prozent zutreffend, und die Genauigkeit der Vorhersage wird in den kommenden Jahren noch gesteigert werden können. Stimmen Sie ihre geplanten Aktivitäten immer auf die Wetterprognose ab! Je eher sie sich daran gewöhnen, umso besser. Es ist nämlich eine Gesetzesvorlage in Vorbereitung, welche das Abhören und Beachten der Wetterprognose verbindlich machen wird, zusammen mit dem Helmtragen in der Strassenbahn. Die meteorologische Anstalt New York stellt zu diesem Themenkomplex den angezeigten Film zur Verfügung.


 
Adam und Eva: wie es
wirklich war!

HOLY SMOKE

Jane Campion demontiert den patriarchalen Mythos von Adam und Eva und dem Paradies. Das Paradies hat es zwar gegeben, es war aber kein netter Ort, an dem man sich womöglich verstand, sondern jene steinige Wüste, die sie dem Publikum vor Augen führt. Es wird also nicht unter dem Jubilieren der Vögelein durch die üppige, freundliche Natur gestreift, sondern die Planeten Adam und Eva prallen in einer unwirtlichen Umgebung aufeinander, streiten und schlagen sich, finden nur beim Bumsen kurze Entspannung, bevor Adam Eva wieder umbringen will. Ueberraschend für alle Feministinnen stellt sich Campion auf den Standpunkt, dass der Sündenfall tatsächlich Frauensache war: Eva hat im Eigenheim ihrer Eltern TV, Stereo, Handy und alles andere, ist aber dennoch notorisch unzufrieden und will unbedingt einen exotischen Mann, der zugleich ihr Gott sein und sie heiraten muss (die Verwicklungen, da Eva als Gottesbraut des Exoten ja Göttin wird, werden leider nicht behandelt). Ihre Masslosigkeit führt zur Vertreibung aus dem Eigenheim und zur Verbannung ins Paradies. Adam seinerseits - vollkommen unschuldig auf seinem Planeten hausend - muss ihr folgen, weil er dafür bezahlt wird. Er soll Eva aus dem Paradies erretten und ihr möglichst den Weg zurück ins Eigenheim weisen. Eine radikale, anregende Interpretation.


 
Wie nenn' ich meinen
kleinen Mutanten?

X-MAN

Ein hilfreicher Film für junge Familien. Unschätzbare Lebenshilfe bietet er vor allem angehenden Eltern aus jenem Milieu, das einen Chemiekonzern Novartis, ein Kino Arthouse und ein Lokal, in dem Kaffee ausgeschenkt wird, Coffeehouse nennt. Ohne professionellen Beistand würden diese überforderten Menschen ihren kleinen Mutanten womöglich ´the child´, 'our sunshine', ´golden future´, oder ´tu omni´ nennen. Der Film aber gibt phantasievolle und anregende Tips, wie Mutanten-Namen schlicht und wohlklingend gehalten werden können, z. B. Wolferine, Rogue, Sabertooth, Magneto, Mystique, Toad, Storm etc.


 
Will Vorsängerin werden

LE BLEU DES VILLES

Das hohe Niveau der Polizeichöre in der französischen Provinz ist zwar sehr erfreulich, hat aber auch eine Schattenseite. Solange's Seele ist vom Ehrgeiz zerfressen, Solistin des örtlichen Polizeichors zu werden, was ein sehr hohes Engagement erfordert. Die Pläne für ein Eigenheim, dessen Erwerb sie mit ihrem Mann plant, geraten darüber ausser Rand und Band.


 
Braucht den Kopf nur
noch für Blödsinn

PHOERPA

Sport macht gesund, die Kinder werden nicht drogensüchtig usw. Alles gelogen! Das Gegenteil ist wahr. Phörpa kommt das Verdienst zu, dass der Film, ungeachtet des Zeitgeistes, schonungslos die Verblödung und Verrohung durch Sport thematisiert. Tibetische Klosterschüler werden vom Fussball-Virus geschüttelt - sie denken fortan nur noch an Fussball. Der Film spricht Klartext, bricht aber doch taktvoll ab, bevor sich die Schüler vor jedem Spiel besaufen, andersfarbige Spieler beschimpfen, und die Fans der gegnerischen Mannschaft verprügeln.


 
Kindsköpfe unter sich

STAR WARS: EPISODE I - THE PHANTOM MENACE

Mit diesem Film wurde für George Lucas ein lang ersehnter Traum Wirklichkeit. Und mit den Episoden II bis VII werden für George Lucas wieder sechs lang ersehnte Träume Wirklichkeit werden. George Lucas ist also der glücklichste Kindskopf der Welt. Kindsköpfe und das Volk der Lamaköpfe mit Eselsohren füllen denn auch die Episode I aus. Der Imperator ist vom machtbesessenen Oberbefehlshaber und Möchtegern-Weltenherrscher (ein Ebenbild des US-Präsidenten; Lucas hat seine versteckte Kritik am Kapitalismus/Imperialismus im neuen Werk aber aufgegeben) zu einem Saddam Hussein der Galaxien geworden: zum Satan, der seine Teufel in die Welt der Guten ausschickt. Die Teufel verlieren ein Wagenrennen. Alles weitere wird man in Episode II erfahren. Ob Bubi die Galaxien rettet und wer mit wem verwandt ist, wird man in den Episoden III bis XIV erfahren. Wer unbedingt wissen muss, ob der Weltenrat-Softie mit Bubis einsamer Mutter schläft, soll nicht Episode VIII abwarten, sondern das neue Werk von Rosamunde Pilcher kaufen.

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