2003  2002  2001:2 /1
2000  1999  1998
Heim  Kurzg.  Fotog.
ZEITRAFFER  2001 (2)
die satirische Filmkritik
  das Experiment, 15 Minutes, American Psycho, Jesus' Son, Kadosh, Suzhou River, Together, Almost Famous, 102 Dalmatiner, Merci pour le chocolat, Small time crooks, Snatch, Cast away, the Goddess of '67

 
Die blauen Augen
der Wissenschaft weit offen

DAS EXPERIMENT

Die blauen, blauen Augen der Wissenschaft! Je blauer die Augen, umso tiefer die Wissenschaft. Das ist die Ueberzeugung von Regisseur Hirschbiegel, die in seinem Film deutlich wird. Professorin Kneubühls Augen sind sehr, sehr blau, ein Blick von ihr, und es wird einem ganz anders. Für die Wissenschaft schaut sie aber doch nicht gründlich genug. Das verstehen wir bei einem Blick in die tief, tief blauen Augen von Chef-leitender-Professor Singsing, dem die blauen Bälle fast aus dem Gesicht kullern, und der folglich an der wahren Erkenntnis arbeitet. Pech für Singsing ist nur, dass er ausgerechnet bei seinem wichtigsten Experiment, das ihm Weltruhm einbringen soll, nicht dabei sein kann, weil er an eine Cocktail-Party muss. Wunderbarerweise begreifen wir diese Zusammenhänge, während die Geschichte einer Gruppe von Hauswarten und der nichtsnutzigen Mieter ihres ungastlichen Wohnblocks erzählt wird. Die Hauswarte haben ihre Wart-Aufgabe, während die Mieter eben keine Aufgabe haben, sondern nur in ihrem Zimmer herumlungern und die Warte aus Langeweile ärgern. Der Film bietet aber noch mehr: eine Neuerung, die Schule machen wird! Wann immer uns die Wart-Sache doch etwas auf die Nerven zu gehen beginnt, blendet Biegel flugs über zu einem andern Film: einer unerträglich doofen Liebesgeschichte mit einer –den Tussi, die im Haus am Meer Champagner trinkt usw., in Kanada lebt usw., der geliebte Vater tot, verlassen etc., und die ihre neue Liebe trifft, natürlich während ihres Autounfalls. Die typische Liebesgeschichte eben, Hausmarke deutscher Film, extrareif. Drei Minuten dieser unmenschlichen Marter, dann zurück zum Hauswart-Film. Und siehe da, obwohl uns dieser eben noch ein bisschen gelangweilt hat, sind wir jetzt wieder mit überschwenglicher Begeisterung und erfüllt von grosser Dankbarkeit voll dabei.


 
Keine Scheiss-Gewalt,
ihr Wixer, oder ich blase
euch das Hirn raus!

15 MINUTES

Ja ja, schlimm schlimm diese ganze Gewalt in Film und Fernsehen. Karrierebesessene Schleimer und geldgierige, skrupellose Unternehmen sind es, welche diesen ganzen Dreck unter die wehrlosen kleinen Leute werfen. Regisseur John Herzfeld und die Unternehmung Industry Entertainment konnten einfach nicht mehr länger tatenlos zusehen! Der Schluss ihres Filmes spricht eine deutliche Sprache: Der junge, ehrliche, hübsche, amerikanische Cop ballert dem hässlichen russischen Psychopathen (der gleiche Abschaum, der zuvor alle fünf Minuten jemanden brutal gemordet und in einer blutigen Zwei-Personen-Schlacht gar den ehrlichen alten amerikanischen Cop gemurkst hat) sein krankes Gewalt-Hirn raus, bis das Magazin leer ist, befreit damit die hübsche, unschuldige News-Reporterin aus der Gewalt des abnormen Schweins, und schlägt danach der Quoten-Sau des TV-Senders ordentlich die Fresse ein. Bravo! In der Fortsetzung wird er zwei Stunden lang die Dreckspolitiker niedermähen, die Gewalt erst erm–glichen. Interessant ist auch zu erfahren, dass sich die Amerikaner einige Jahre Zwangsaufenthalt in der Psychiatrie als Erholungsurlaub vorstellen. Wahrscheinlich beruht dieses Urteil auf einem Vergleich mit ihrer alltäglichen Umgebung. Die Kritik der New York Times: Gewaltiges Kino, hochaktuell!


 
Wir leben in der Zeit der
Handys, Onkelchen!

AMERICAN PSYCHO

Verfilmung eines komplett veralteten Stoffes, erschienen USA ca. 1985. Was den die Psyche destabilisierenden Einfluss von Phil Collins-, Huey Lewis- und Whitney Houston-Musik betrifft: Soll uns das aufrütteln? Diese Bands sind nicht nur out, sie sind für immer vergessen! "Dieses Geständnis ist vollkommen unerheblich", lässt Patrick am Schluss des Filmes verlauten. Hey - Geständnisse machen uns unsäglich müde. Jeder Idiot hat schon in irgend einer Wix-Show oder einem Wix-Container alles Erdenkliche gestanden und dazu den Leberfleck auf seinem Arsch gezeigt. Du träumst von einer sauberen Welt, Patrick, ohne unnütze Gesellschafts-Elemente? "Lebe deinen Traum!" Dies ist das Motto der Jetzt-Zeit, das wir dir zurufen! Wenn jeder seinen Traum lebt, werden alle zufriedener, lernen sich selber besser kennen, und das Bev–lkerungsproblem wird nebenbei auch noch gel–st


 
Easy in weiss

JESUS' SON

Ein chirurgischer Lehrfilm, der es bis in die Kinos geschafft hat. Er behandelt im Besonderen die Vorbereitung des Chirurgen auf eine schwierige Augenoperation. Wichtig ist der Aufenthalt in vollkommen weissen, klinisch sauberen Räumen, in weisser Kleidung und weissen, federnden Turnschuhen. Easy Erfahrungsaustausch mit Arbeitskollegen, angenehmer innerer Gleichmut, positive Wirklichkeitserfahrung. Zu schlucken sind täglich: 3 Einheiten Amphetamin, 7 Einheiten Tranquilizer, Morphin nach Gutdünken... Nach der im Film beschriebenen Vorbereitung ist das fragliche Messer im Auge leicht herauszuziehen, unter geringem physischem und psychischem Kraftaufwand.


 
Die heilige Rivka
und ihr Herr, Gemahl

KADOSH

Dokumentarfilm über die erste Heiligsprechung in der jüdischen Religionsgeschichte. Die hl. röm.-kath. Kirche hat mit einer harschen Protestnote des Papstes auf die Anfechtung ihres Primats der Heiligsprechung reagiert. Die erste jüdische Heilige heisst immerhin nicht Maria, sondern Rivka, und bringt weder einen Gott noch einen Sachbearbeiter zur Welt, hat dafür aber ein dokumentiertes, erfreuliches Sexleben. Der Ober-Rabbi erklärt an ihr die sechs Zeichen der Heiligkeit: flehende, sanft-geduldige Augen; stille Hingabe; stilles Leiden; sch–nes Timbre; makelloses Ableben; kein Funken Verstand. Die Heilige starb innerlich, unverstanden von einer feindlichen, rücksichtslosen Welt, in einem Hotelzimmer in Jerusalem.


 
Die Badenixe mit Gummi

SUZHOU RIVER

Ursprünglich wollte Greenpeace einen avantgardistischen Umwelt-Unterwasser-Film in Shanghais verdrecktem, trübem Suzhou River drehen, der die chinesische Oeffentlichkeit aufrütteln sollte. Das Geld hat dann aber nur für einige Aufnahmen im Becken einer Bar gereicht, worin immerhin noch eine hübsche Badenixe planschte. Der findige Regisseur Lou Ye hat das Projekt gerettet, indem er die Nixe in eine Liebesgeschichte verstrickt, wodurch neue Sponsoren gefunden werden konnten. Der Umwelt-Anstoss des Films bleibt in der abschliessenden Fassung in Form eines Greenpeace-Signets erhalten, das ganz zu Beginn den Bach ab schwimmt, unten rechts zu sehen.


 
Aufstand der
Joghurtbecher

TOGETHER

Mit der Ausschaffung der Menschheit in die neue Zeitzone "2000" schweift der Blick zurück. So bei Together, einem sorgfältigen Historien- und Kostümfilm, der die sog. Revolution der Joghurtbecher im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts aufgreift. Originalgetreu lebt die Generation auf, die "Halt!" und "Genug!" gesagt hat. "Joghurtbecher müssen gesammelt und separat entsorgt werden!" "Ins Fleisch für unsere Haustiere müssen nährstoffreiche Rüben- und Erbsenstückchen!" "Wir wischen uns den Arsch mit euren Wäldern ab, aber rezikliert bitte!" (damals sagte man: rezikliert!) Der Film geht ausserdem auf die Orgasmusschwierigkeiten der Joghurtbecher ein, welche durch sportliche Ertüchtigung überwunden werden sollten. Die Revolution aber endete mit dem sog. Sieg der Uncoolen (siehe auch Almost Famous). Die Joghurtbecher selber brachten die Uncoolen hervor, welche sagten: "Recycling-Arschabwischerei? Ok! Wir respektieren das! Aber nur, wenn ihr uns Folgendes kauft:" Hier Ueberreichen der Liste mit pseudocoolen Markenkleidern zum Wegwerfen, pseudocoolen elektronischen Geräten zum Wegwerfen, pseudo Cds, Bikes, Rolls, Blades, Skates, Boards etc. zum Wegwerfen. Ein lehrreicher Film auch für die Schule geeignet.


 
Cool und Uncool

ALMOST FAMOUS

Historienschinken und Kostümfilm, der die Zeit Ende des 20. Jahrhunderts beleuchtet, als die sog. Uncoolen die sog. Revolution der Joghurtbecher (siehe auch Together) niederwarfen. Uncool meint: die Welt von Mutti (Professorin für Essstörungen und Tischgebete) und Bubi (Klassenbester und künftiger Anwalt), die sich täglich am Telefon bequatschen und nie Drogen nehmen, und die paralell geschaltete Welt der Industrie, die Mutti und Bubi und den Rest der uncoolen Menschheit bequatscht, ihr Zeug zu kaufen. Die Industrie erfand in dieser Zeit das Label der Pseudocoolness, das als Ersatzdroge diente. Der Film führt ebenfalls den letzten der Coolen vor, Walti Z. (gest. 1976), brillant verkörpert von Billy Crudup mit echtem Kamelgang - jung, leichtsinnig, talentiert und permanent irgendwie gespact. Der Verlauf der geschichtlichen Ereignisse wird formal überzeugend nachvollzogen, indem der muntere Beginn bald verebbt, die Handlung verflacht, und das ganze Geschehen verschläft, was einem das real eingetretene leichte Unwohlsein nachempfinden lässt.


 
Energisch vorgehen!

102 DALMATINER

Kinderporno übelster Machart. 102 Dalmatiner schlecken kleine Kinder und Erwachsene ab. Erwachsene und kleine Kinder kraulen, tätscheln, streicheln und masturbieren 102 Dalmatiner, bis ihre treuen Augen glasig werden. Widerlich! Es ist hohe Zeit für die Staatengemeinschaft, energisch und konsequent gegen die internationale Kinderindustrie vorzugehen!


 
Energisch protestieren!

MERCI POUR LE CHOCOLAT

Übles propagandistisches Machwerk aus bestimmten, uns bekannten französischen Kreisen. Ein äusserst lukratives Argument überzeugte Claude Chabrol, seinen Namen für einen Film herzugeben, den schliesslich die Werbeabteilung von Vichy Paris realisiert hat. Der Film soll dem Publikum untergründig vermitteln, dass Schweizer Schockolade schädlich, ja tödlich sei. Nach dem Einschleusen des Virus in die vorher BSE-freie Schweizer Landwirtschaft, nach dem haltlosen politischen Angriff auf das gesetzlich bereits bestens geregelte Bankgeheimnis ist dies ein weiterer perfider Versuch des Pariser Judentums, die Schweiz zu ruinieren und die hilfsbereite Gesamtbevölkerung zu den Bettlern Europas zu machen. Energischer Protest des Gesamtbundesrats.


 
Bauchweh-Patient:
zuviele Plätzchen

SMALLTIME CROOKS

Die erfolgreiche TV-Back-Serie aus den USA jetzt auch als Kinofilm! Insbesondere widmet sie sich der Frage nach der richtigen Menge der Plätzchen, die man backt. Es wird gezeigt, dass zu viele Plätzchen nicht nur Bauchschmerzen, sondern auch Beziehungsprobleme und ungewollte gesellschaftliche Verwicklungen verursachen können.


 
Psychopath Nr. 12

SNATCH

Deal im Boxring, vom Breihirn eines der beteiligten Boxer ausgebrütet. Gewaltbereite männliche Randexistenzen, allesamt irgendwie nette Burschen, werden in Trab versetzt. Die fetten hässlichen Köter am grossen Futtertrog wurden beim Bescheissen beschissen und beginnen zu knurren. Sie sind überaus mächtige Gängster und originelle Psychopathen, sie zücken Pistolen, Gewehre, Messer, Baseball-Schläger und Säbel, aus vielen Köpfen beginnt viel rotes Blut zu fliessen, die Musik spielt. Aehmm... kennen wir das nicht irgendwo her (siehe auch Pulp Fiction)? Das Verdienst dieses Filmes ist es, dass die Anzahl der Psychopathen im Vergleich mit Pulp Fiction verdoppelt werden konnte. Das Feigenblatt einer eigenen Geschichte um einen Juwelenklau wird nach der Hälfte des Films fallengelassen.


 
Während der Kur

CAST AWAY

Ein Flugzeug stürzt ab auf die Insel, ein dicker Mann überlebt auf der Insel, er kehrt nach fünf Jahren Fisch und Kokosnussmilch wohlgenährt zurück, Filmende. Bezahlte Diät für Tom Hänks. Falls in der Fachsimpelei unter Filmfans jemand bemerkt, dass es doch aber eine originelle Idee in diesem Film gebe, antworten Sie: 'ach ja, der Wal, sehr schön.'


 
Einmal niederschwellige
Exzentrik bitte!

THE GODDESS OF '67

Der Film erklärt dem/der Jugendlichen, wie auch sie/er zur dumpfigen Weltgemeinschaft stossen kann. Grundvoraussetzung ist eine niederschwellige Exzentrik, wie z.B. Kröten sammeln, hinter einer Karosse herhecheln, oder blind sein. Dann die Aneignung der gehörigen Portion Dumpfigkeit (z.B. im Kino). Dann wird's eben cool. Dann gilt eben: woher auch immer du bist - Japan Tokio, Australien Pampa, Winterthur Obertöss - was auch immer du tust, ob du gelb bist, ob gerade deine ganze Familie umgebracht wurde, oder nur dein Schnürsenkel offen ist, es ist ok und egal, denn wir sind alle ganz genau gleich dumpf. International Language d-u-m-p-f. Die Menschheit, die Probleme der Jugend, der Globus die Tiere werden zusammengeführt in versöhnlicher universeller Dumpfigkeit.

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